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Re: OOC: Fanfiction

22 Oct 2009, 12:48

~Der Geist~
Stimmen.

Farben.

Licht.

Gerüche.

Geräusche.

Schatten.

Wärme.

Kälte.

Angst.

Schmerz.

Ich spüre, sehe, rieche all das mit jeder Faser meines geisterhaften Körpers, ich vernehme das stetige Ticken der Uhr, ich fühle ihre Hände, wie sie mich berühren, streicheln, und ihre Stimmen, die da sagen: „Maus, wir haben dich sehr lieb.“

Wie das alles passieren konnte, weiß ich nicht.

Ich gehe im Frühling nicht durch die Straßen und sehe Schneeglöckchen und Krokusse am Straßenrand wachsen. Die ersten zarten Knospen an den Bäumen sind immer weit weg und ich kann nicht sagen: „Ja, langsam wird es sehr warm, ich kann endlich die dicke, plumpe Winterjacke in den Kleiderschrank verbannen.“

Mir ist es verwehrt, im Sommer in den Urlaub zu fahren. Sonne, die meine Nase kitzelt, Vanilleeis, das auf meine Finger tropft, wo ich es hastig auflecke, Baden im Meer, dessen Wasser nach dem Aufenthalt in der Sonne doch noch sehr kalt ist, Ausflüge in die Stadt, tanzen in der Disko, wider jeglicher Vernunft Alkohol trinken, bis mir höllisch schlecht wird. Das geht alles nicht.

Im Herbst kann ich nicht den Kamin anstellen, die Kinder beobachten, wie sie aus Kastanien Igel basteln oder abends Laterne laufen, während sie Martinslieder singen und mit gelben Gummistiefeln durch rot gefärbte Ahornblätter stapfen.

Wenn der Winter kommt, gehen alle Schneemänner bauen, Schlittschuh laufen und bekommen eine Erkältung, nur ich nicht. Türen am Adventskalender werden geöffnet, aber nicht von mir und wenn man mir sagt „Fröhliche Weihnachten, meine Süße“, dann kann ich nicht antworten, so gern ich das auch möchte. Ich höre das Heulen von Silvesterraketen und auch das „Frohes Neues!“, aber nie werde ich mit leisem Klirren ein Sektglas anstoßen, Umarmungen erwidern, Wunderkerzen halten, lachen, mir neue Vorsätze festnehmen, die ja doch nichts werden.

All das geht nicht mehr.

Ich spüre nur eine tiefe Traurigkeit, wenn ich an all das denke. Wenn ich Geburtstag habe, bringt man mir Blumen, ein Teelicht, streichelt mir über das Haar und wünscht mir alles Gute.

Und manchmal, wenn einer von ihnen alleine ist, meine Mutter, mein Vater, mein Bruder, fängt er, fängt sie an zu weinen und ich weiß, die Traurigkeit gilt zum großen Teil mir, aber auch ihnen, weil sie diese Last mit sich tragen müssen. Dann droht mein Herz jedes Mal zu zerbrechen, ich möchte weinen, sie trösten, mich entschuldigen und schreien: „Ich bin doch noch bei euch! Und mir geht es gut, ich habe euch lieb, bitte weint nicht länger meinetwegen!“

Aber das ist nicht möglich.

Für mich ist nichts mehr möglich, ich bin gefangen, erstarrt, eine Puppe, ein Schatten der die Minuten zählt. Wie gerne wäre ich die Märchenprinzessin, die von ihrem Befreier wach geküsst wird, aber in der wirklichen Welt gibt es solche Prinzen nicht, der Zauber existiert nicht, sonst hätte er sicher schon lange dafür gesorgt, dass ich mich aus den unsichtbaren Ketten befreien kann, um zu leben.

Gerade ist wieder Schwester Marianne ins Zimmer gekommen. Sie wird gleich den Katheter wechseln und dabei nicht besonders sanft vorgehen, was ich überhaupt nicht leiden kann. Sie glaubt ja -genau wie meine arme, unwissende Familie!- dass ich sowieso nichts mehr spüren kann, nicht mehr da bin, nur noch existiere und vegetiere. Aber ich bin kein Geist, kein lebendes Fleisch.

Ich liege hier in einem sterilen, seelenlosen Zimmer im Krankenhaus, im Wachkoma und ich kann keinem erzählen, wie sehr ich leide, was ich alles von der Welt miterlebe, ich kann all den Unwissenden nicht entgegen schreien, dass sie sich irren. Ich fühle noch sehr viel!

Ich bin kein Geist!
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